Bildtheater – Eine Statue, drei Bedeutungen

Die Teilnehmenden nutzen ihren Körper als Formmaterial, um Standbilder (Tableaux vivants) zu gestalten, die Gefühle, Machtverhältnisse oder soziale Situationen darstellen. Ohne Worte formt eine Person durch sanfte Berührungen die Positionen der anderen, und die Gruppe untersucht und verändert dann das eingefrorene Bild, um Unterdrückung zu erforschen und sich Veränderungen vorzustellen.

THEMA

Nonverbale Kommunikation und Selbstermächtigung

SCHWIERIGKEIT

Anfänger bis Mittel

GRUPPENGRÖßE

8-20 Teilnehmende

ALTER

16+

DAUER

100 – 120 Minuten

Ziele

  • Emotionen und soziale Situationen erkunden, ohne sich auf die gesprochene Sprache zu verlassen
  • Körperbewusstsein und nonverbale Ausdrucksfähigkeiten entwickeln
  • Barrierefreies Theater für Menschen mit Sprachbarrieren, Sprachschwierigkeiten oder Autismus-Spektrum-Störungen schaffen
  • Machtverhältnisse und Unterdrückung anhand körperlicher Bilder untersuchen
  • Abstrakte Konzepte in konkrete visuelle Darstellungen umsetzen

Material

  • Ein großer, offener Raum ohne Hindernisse und Möbel
  • Optional: einfache Stoffstücke, Stühle oder neutrale Requisiten, um die Bilder aufzupeppen
  • Bequeme Kleidung, in der man sich gut bewegen kann

Überblick

Das Bildtheater, das Augusto Boal ursprünglich Anfang der 1970er Jahre in Peru entwickelt hat, um Sprachbarrieren zu überwinden, nutzt den Körper, um Standbilder (Tableaux vivants) zu schaffen, die Gefühle, Situationen oder soziale Probleme darstellen. Eine Person fungiert als „Bildhauer“ und formt die Positionen der anderen („Ton“) nur durch sanfte Berührungen und ganz ohne Worte. Die Gruppe erforscht und verwandelt dann diese eingefrorenen Bilder, setzt sich mit Unterdrückung auseinander und entwirft Veränderungen durch rein körperlichen Ausdruck. Die Methode entstand, als Boal mit indigenen Gemeinschaften arbeiten musste, in denen kein Spanisch gesprochen wurde.

Schritt-für-Schritt-Anleitung:

1. Einführung (10 Min.):

Erkläre bitte, dass die Kommunikation während der Aktivität ausschließlich über Körpersprache erfolgt und während des Formens keine Worte erlaubt sind. Eine Person ist der „Bildhauer“, der die anderen („den Ton“) nur durch Berührung sanft zu einer Figur formt. Betone unbedingt die Einwilligung: Wer als „Ton“ fungiert, kann jederzeit Nein zu Berührungen sagen oder die Teilnahme ganz ablehnen. Zeige anhand eines Freiwilligen, wie sanftes, respektvolles Formen aussieht – zeige dabei angemessene Berührungen an Schultern, Armen und der Kopfhaltung, respektiere dabei aber die persönlichen Grenzen.

2. Aufwärmübungen (15 Minuten):

Für diesen Teil kann der*die Moderator*in relevante Übungen aus dem Zusatzkapitel am Ende der Toolbox auswählen (z. B. Körperwahrnehmung, Vertrauensübungen oder den Umgang mit Emotionen), um die Verbindung innerhalb der Gruppe, die Präsenz und den Ausdruck zu fördern.

3. Individuelle Bilderkundung (15 Minuten):

Bevor die Gruppen-„Skulpturen“ entstehen, gestaltet jede Person ihre eigene Solo-Statue, die eine Emotion oder Situation darstellt. Übt zu zweit, sowohl Bildhauer als auch „Ton“ zu sein – dabei formt ihr euch abwechselnd gegenseitig. Das schafft Vertrautheit mit dem Prozess und der damit verbundenen Berührung, bevor ihr zu komplexerer Gruppenarbeit übergeht.

4. Reales Bild – aktuelle Realität (20 Minuten):

Wählt einen Bildhauer aus, der entweder ein Freiwilliger oder der*die Moderator*in sein kann. Der Bildhauer gestaltet ein Bild, das die aktuelle Realität eines Problems darstellt, das die Gruppe gemeinsam identifiziert hat (z. B. Ausgrenzung in der Schule, Ungleichheit am Arbeitsplatz, familiäre Kontrolle, Mobbing, Armut und Diskriminierung). Der Bildhauer formt mehrere Personen körperlich zu diesem Bild, ohne dabei zu sprechen.

Sobald das Bild fertig ist, betrachtet die Gruppe das „eingefrorene“ Bild 1–2 Minuten lang schweigend und diskutiert anschließend:

  • Was seht ihr in diesem Bild? Beschreibt es zunächst objektiv.
  • Wo liegt die Macht? Wer hat sie? Wer hat sie nicht?
  • Welche Beziehungen bestehen zwischen den Figuren?
  • Welche Emotionen sind sichtbar und verkörpert?
  • Inwiefern spiegelt dies die Realität wider, die wir kennen?

5. Idealbild – gewünschte Zukunft (15 Minuten):

Derselbe oder ein anderer „Bildschöpfer“ gestaltet ein Bild, das die gewünschte Zukunft zeigt – wie wir uns die Dinge wünschen, wenn die Unterdrückung überwunden wäre. Das ist keine Fantasie, sondern eine erreichbare Veränderung. Die Gruppe betrachtet das Bild und bespricht die Unterschiede zum realen Bild. Was hat sich verändert? Welche neuen Beziehungen gibt es?

6. In einem 15-minütigen Abschnitt werden Übergangsbilder verwendet, um den Weg zur Veränderung zu veranschaulichen.

Hier bekommt man es besonders eindringlich mit: Was sind die konkreten Schritte zwischen dem realen und dem idealen Bild? Die Gruppe erstellt 2–3 Zwischenbilder, die den Weg der Transformation zeigen. Was muss passieren, um von Unterdrückung zu Befreiung zu gelangen? Diese Bilder machen den Wandel greifbar und sichtbar.

7. Dynamisierung (10 Minuten, optional, aber wirkungsvoll):

Erweckt die Bilder in extremer Zeitlupe (z. B. mit 0,25-facher Geschwindigkeit) zum Leben und zeigt so die physische Verwandlung vom realen zum idealen Bild. Die Teilnehmenden bewegen ihre Körper auf dieser Reise mit.

Nachbesprechung und Bewertung:

Fragen zur Reflexion:

  • Was habt ihr in den verschiedenen Bildern gesehen und gefühlt, die wir heute geschaffen haben?
  • Wie hat es sich angefühlt, beim Arbeiten mit Ton Bilder zu gestalten oder daran mitzuwirken?
  • Was hat euch an der Kommunikation ohne Worte überrascht?
  • Welche Körpersprache vermittelt Macht? Welche Körpersprache vermittelt Machtlosigkeit?
  • Was habt ihr über das Thema gelernt, mit dem wir uns beschäftigt haben?
  • Für diejenigen, die als Bildhauer tätig waren: Wie hat es sich angefühlt, das Bild zu formen? Welche Entscheidungen habt ihr getroffen?
  • Hat die körperliche und nonverbale Kommunikation etwas offenbart, was Worte nicht konnten?
  • Wie können wir im tatsächlichen Leben vom realen Bild zum idealen Bild gelangen? Welche Schritte sind dafür nötig?

Bewertungskriterien:

Beobachte, wie wohl sich die Teilnehmenden beim nonverbalen Ausdruck fühlen, ihre Kreativität und Nachdenklichkeit beim Gestalten der Bilder, die Tiefe ihrer Beobachtung beim Betrachten der Bilder, ihre Fähigkeit, Körpersprache zu lesen und zu interpretieren, ihre Bereitschaft, sowohl als Bildhauer*in als auch als Ton teilzunehmen, die Qualität der kritischen Reflexion über die entstandenen Bilder sowie den Respekt vor Grenzen und Einwilligung während des gesamten Prozesses.

Moderationstipps:

  • Zeig immer zuerst, wie man sanft und respektvoll „formt“, bevor du die Teilnehmenden bittest, es selbst zu versuchen
  • Hol dir unbedingt eine klare Einwilligung ein, bevor jegliche Berührungen beginnen, und erinnere alle daran, dass sie ihre Einwilligung jederzeit widerrufen können
  • Beginne mit einzelnen „Statuen“ und Partnerübungen, bevor du komplexe Gruppenbilder mit mehreren Personen versuchst
  • Gib ausreichend Zeit zum Betrachten – überstürze die Bilder nicht; lass ihnen Raum zum Atmen
  • Bestätige alle Interpretationen – die Bilder sind vielschichtig und lassen sich auf vielfältige Weise deuten; es gibt keine einzige „richtige“ Bedeutung
  • Für Gruppen, denen Berührungen unangenehm sind oder die aus Kulturen stammen, in denen Berührungen problematisch sind: Schafft Bilder ohne Berührungen – der „Bildhauer“ zeigt auf, und die Teilnehmenden positionieren sich anhand verbaler oder visueller Hinweise
  • Fotografiere die Bilder (mit Erlaubnis), um spätere Reflexion und Dokumentation zu ermöglichen
  • Sei äußerst sensibel im Umgang mit kulturellen Normen rund um Berührungen, Geschlecht und persönlichen Raum
  • Stelle sicher, dass körperlich vielfältige Menschen willkommen sind und gefeiert werden – alle Körper können ausdrucksstarke Bilder schaffen
  • Schaffe einen sicheren Raum für Verletzlichkeit und halte dabei klare Sicherheitsgrenzen ein
  • Achte darauf, ob sich jemand unwohl fühlt – sprich in den Pausen diskret mit der Person

Variationen und Anpassungen:

  • Vielfältige Vorstellungen von Glück: Jeder entwickelt sein ganz eigenes Bild davon, was Glück für ihn bedeutet – das zeigt die Vielfalt
  • Vervollständige das Bild: Der*die Moderator*in oder eine Teilnehmende beginnt ein Bild, dann fügen sich die anderen nacheinander hinzu, bis sich das Bild vollständig anfühlt
  • Polizist im Kopf: Nutze das Bildtheater, um innere Unterdrückung zu erforschen – veräußere die kritischen oder unterdrückenden Stimmen in unseren Köpfen
  • Bild und Gegenbild: Schaffe zwei gegensätzliche Perspektiven oder Interpretationen derselben Situation
  • Kaleidoskop: Zeige dieselbe Situation aus der Sicht verschiedener Charaktere – wie sieht sie aus der Perspektive jeder einzelnen Person aus?
  • Bild der Zukunft, vor der wir Angst haben: Erforsche Ängste und Hindernisse, indem du Bilder davon erschaffst, was wir befürchten, dass passieren könnte
  • Familienbilder: Erforsche Familiendynamiken und Beziehungen durch Tableaus
  • Geräuschergänzung: Nachdem du das eingefrorene Bild geschaffen hast, füge jeder Figur Geräusche oder Ein-Wort-Beschreibungen hinzu
  • Variationen zur Belebung: Erwecke Bilder auf unterschiedliche Weise zum Leben – zurückspulen, vorspulen, in einer Schleife wiederholen

Haftungsausschluss:

Körperliche Berührungen spielen in der traditionellen Methodik des Bildtheaters eine zentrale Rolle. Legt IMMER vor Beginn klare Regeln für die Einwilligung fest. Die Teilnehmenden müssen das Recht haben, die Rolle als „Bildhauer“, als „Ton“ oder die Teilnahme insgesamt abzulehnen – ohne jeglichen Druck oder Wertung. Niemand sollte jemals in körperlich unangenehme oder schmerzhafte Positionen gezwungen werden. Respektiere persönliche und kulturelle Grenzen in Bezug auf Berührungen, besonders zwischen den Geschlechtern. Beim Umgang mit besonders sensiblen Themen wie Trauma, Gewalt und Missbrauch ist es wichtig, damit zu rechnen, dass durch die körperliche Verkörperung dieser Themen starke Emotionen hochkommen können. Hab einen Plan für emotionale Unterstützung parat.

Alternativer Ansatz: Für Gruppen, in denen Berührungen nicht angemessen oder unangenehm sind, nutze berührungsfreie Methoden, bei denen der „Bildhauer“ verbale Anweisungen gibt oder Positionen vorführt und die Teilnehmenden sich selbst positionieren. Das ist zwar weniger wirkungsvoll, aber dennoch wertvoll.

Eine weitere Möglichkeit ist, die Teilnehmenden nach Geschlecht in Paare einzuteilen, da sie sich in dieser Konstellation möglicherweise wohler fühlen. Dies kann die Teilnahme fördern, indem es einen sichereren und vertrauteren Rahmen bietet.

Hinweis: Bildtheater kann emotional intensiver sein als verbale Diskussionen, da der Körper Emotionen speichert. Gehe daher mit Sorgfalt und Achtsamkeit vor.

Kontakt

Iuliana Adriana PAVEL (Projektmanagerin)

iuliana.pavel@a4action.ro
A4ACTION – Kulturhaus Antim Ivireanu, Aleea Islaz, Ghermănești, Snagov, Kreis Ilfov, Rumänien, 077170


Von der Europäischen Union kofinanziert. Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind jedoch ausschließlich die der Autor:innen und spiegeln nicht notwendigerweise die der Europäischen Union oder der ANPCDEFP wider. Weder die Europäische Union noch die ANPCDEFP können dafür verantwortlich gemacht werden.


Das Projekt wird von folgenden Organisationen durchgeführt: A4ACTION (Rumänien) – Koordinator, Udruga Delta (Kroatien), InterAktion (Österreich), Asociación Espacio Rojo (Spanien) und GAIA Museum Outsider Art (Dänemark).

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