MODULE 1

Needs analysis

Leitlinien und Beispiele für Aktivitäten, mit denen sich die Bedürfnisse der Zielgruppen ermitteln lassen

In diesem Kapitel werden verschiedene Theorien zu menschlichen Bedürfnissen vorgestellt, die eine wichtige Grundlage für das Verständnis des Bedürfnisermittlungsprozesses bilden. Es werden mehrere gängige quantitative und qualitative Methoden zur Bedürfnisermittlung erläutert, wobei der Schwerpunkt auf einigen der kreativeren Ansätze liegt. Außerdem werden die ethischen Grundsätze behandelt, die während des gesamten Bedürfnisermittlungsprozesses beachtet werden müssen.


THEORIEN ZU MENSCHLICHEN BEDÜRFNISSEN

Eine Bedürfnisanalyse oder -ermittlung kann auf verschiedene Arten durchgeführt werden, und es gibt keine standardisierte Methode. Daher ist es wichtig, die richtige Methode zu kennen, die für das, was wir bewerten, die besten Ergebnisse liefert und uns zu einer Verbesserung der Prozesse und einer optimalen Nutzung unserer Materialien führt. Das bedeutet auch, zu entscheiden, welche Bedürfnisse die höchste Priorität haben.

Nach der Maslow-Bedürfnispyramide (1943) sind menschliche Bedürfnisse in einer Hierarchie angeordnet, wobei biologische (Überlebens-)Bedürfnisse ganz unten stehen. Kreativere Bedürfnisse und die „Selbstverwirklichung“ stehen ganz oben:

  1. Biologische Bedürfnisse (Atmen, Lebensmittel, Wasser, Unterkunft, Schlaf)
  2. Sicherheit und Geborgenheit (Gesundheit, Arbeit, Familie und soziale Beziehungen)
  3. Liebe und Zugehörigkeit (Freundschaft, Intimität, Verbundenheit)
  4. Selbstwertgefühl (Selbstvertrauen, Leistung, Respekt von anderen, das Bedürfnis, ein einzigartiges Individuum zu sein)
  5. Selbstverwirklichung (Moral, Kreativität, Spontaneität, Akzeptanz, Sinn und innere Bestimmung)

Dieses Modell folgt keiner streng linearen Entwicklung. Menschen können verschiedene Bedürfnisse gleichzeitig verspüren oder zwischen den Ebenen wechseln. Obwohl dieses Modell viel Kritik erfährt, ist es dennoch in verschiedenen Kontexten einsetzbar und kann die unterschiedlichen Bedürfnisse in der Jugendarbeit verdeutlichen.

Ein flexibleres und dynamischeres Modell ist das ERG-Theoriemodell (Alderfer, 1969). Dieses Modell umfasst:

  • Existenzbedürfnisse – grundlegende materielle und psychologische Bedürfnisse (Lebensmittel, Wasser, Unterkunft, Sicherheit)
  • Beziehungsbedürfnisse – zwischenmenschliche Beziehungen und soziale Bindungen (Liebe, Zugehörigkeit)
  • Entwicklungsbedürfnisse – persönliche Entwicklung und Selbstverwirklichung (Selbstverwirklichung)

Dieses Modell berücksichtigt überlappende Bedürfnisse und nimmt an, dass Menschen je nach Situation zwischen verschiedenen Ebenen wechseln.

Die Selbstbestimmungstheorie (Deci und Ryan, 1985) basiert auf drei grundlegenden psychologischen Bedürfnissen:

  • Autonomie – das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Handeln und die eigenen Entscheidungen zu haben
  • Kompetenz – das Gefühl, fähig und effektiv mit der Umwelt interagieren zu können
  • Verbundenheit – das Gefühl, mit anderen verbunden zu sein und von ihnen unterstützt zu werden

Dieses Modell berücksichtigt überlappende Bedürfnisse und nimmt an, dass Menschen je nach Situation zwischen verschiedenen Ebenen wechseln.

Ein kurzer Überblick über einige zentrale Theorien zu menschlichen Bedürfnissen kann hilfreich sein, wenn es um junge Menschen mit geringeren Chancen geht – etwa um junge Menschen mit Migrant*innen- oder Geflüchteten-Hintergrund, junge Menschen mit verschiedenen Behinderungen, junge Menschen aus ländlichen Gebieten, aber auch um andere Zielgruppen. Je nach Zielgruppe und Zweck der Bedürfnisanalyse können verschiedene Methoden – sowohl qualitative als auch quantitative – effektiv eingesetzt werden.


EINVERSTÄNDNIS UND ETHISCHE ASPEKTE

Bevor man mit einer Bedürfnisanalyse beginnt, insbesondere wenn junge Menschen daran beteiligt sind, ist es unerlässlich, ethische Überlegungen umfassend und verantwortungsbewusst anzugehen. Ethische Forschung basiert auf den Prinzipien der Achtung der Person, der Wohltätigkeit und der Gerechtigkeit.[2]

Bei der Durchführung einer Bedürfnisanalyse ist es wichtig, ethische Überlegungen und die Einwilligung nach Aufklärung zu berücksichtigen. Alle Teilnehmenden sollten eine freiwillige Einwilligungserklärung geben. Einwilligung bedeutet, dass die Teilnehmenden vor Beginn der Forschung über alle Informationen verfügen, die sie benötigen, um zu entscheiden, ob sie daran teilnehmen möchten. Die Einwilligunserklärung ist nicht nur eine Formalität – sie spiegelt die Autonomie und Würde der Teilnehmenden wider. Daher sollten schriftliche Einwilligungserklärungen Informationen über den Umgang mit Daten, Vertraulichkeit, Audio-/Videoaufzeichnungen, Datenspeicherung sowie darüber enthalten, wie die Ergebnisse veröffentlicht und genutzt werden. Während eine mündliche Einwilligung in manchen informellen Kontexten akzeptabel sein mag, ist eine schriftliche Einwilligung immer vorzuziehen, um Rechenschaftspflicht und Transparenz zu gewährleisten. Außerdem müssen Forscher die Kommunikation an die kognitive und emotionale Reife junger Teilnehmender anpassen und dabei eine Sprache und Formate verwenden, die diese klar verstehen können. [3]

Es ist auch wichtig, die EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) im Hinterkopf zu behalten – das Datenschutz- und Sicherheitsgesetz, das die Pflichten derjenigen festlegt, die Daten verarbeiten. Dazu gehört die Verpflichtung, angemessene Sicherheitsmaßnahmen entsprechend dem mit der Datenverarbeitung verbundenen Risiko zu ergreifen. Unter Datenverarbeitung versteht man jede Tätigkeit wie das Erheben, Erfassen, Organisieren, Ordnen, Speichern und Verwenden personenbezogener Daten [4]. Dementsprechend ist es wichtig, dass junge Menschen verstehen, wie die erhobenen Daten gespeichert und verwendet werden, und dass sie darüber informiert werden, dass sie das Recht haben, ihre Einwilligung jederzeit zu widerrufen. Überprüfe stets den rechtlichen Rahmen auf nationaler Ebene und passe die Informationen so an deine Zielgruppe an, dass diese wirklich eine informierte Einwilligung geben kann (z. B. durch die Bereitstellung von Dolmetscher*innen).

Ein weiterer entscheidender ethischer Grundsatz ist der Schutz der Teilnehmenden vor Schaden – sei es körperlicher, psychischer oder emotionaler Art. Forscher müssen mögliche Unannehmlichkeiten, Peinlichkeiten oder das Risiko einer Retraumatisierung sorgfältig abwägen und minimieren. Dazu gehört auch der Schutz vor dem Verlust von Privatsphäre, Würde, Selbstwertgefühl und Autonomie. Die Vertraulichkeit muss durch die Anonymisierung der Daten und eine sichere Datenspeicherung gewährleistet werden, wobei der Zugriff ausschließlich auf befugtes Personal beschränkt sein muss.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ethisch vertretbare Forschung mit Jugendlichen Feingefühl, Transparenz und ein starkes Engagement für die Wahrung der Rechte und das Wohlergehen der Teilnehmenden erfordert. Die Einhaltung anerkannter ethischer Standards schützt nicht nur die Teilnehmenden, sondern stärkt auch die Glaubwürdigkeit und den gesellschaftlichen Wert der Forschungsergebnisse.


QUANTITATIVE UND QUALITATIVE FORSCHUNGSMETHODEN

Quantitative Methoden zeichnen sich durch die Erhebung von Informationen aus, die numerisch analysiert werden können. Die Daten werden in der Regel mithilfe von Statistiken, Tabellen und Grafiken dargestellt. Wissenschaftliche Messungen sind der Schlüssel zur quantitativen Forschung, da die Daten numerisch sind. Einfach ausgedrückt: Je repräsentativer die Stichprobe ist (eine Teilmenge einer größeren Grundgesamtheit, die die Merkmale der gesamten Gruppe genau widerspiegelt), desto wahrscheinlicher ist es, dass die Analyse ein genaues und präzises Bild der Bedürfnisse der Zielgruppe liefert. Der Vorteil quantitativer Daten liegt in ihrer Zuverlässigkeit. Der Nachteil quantitativer Daten ist jedoch, dass sie keine tiefgehende Beschreibung der Bedürfnisse liefern.

Deshalb ist es wichtig, quantitative mit qualitativen Methoden zu kombinieren, die per Definition explorativ sind. Auch sie basieren auf empirischer Untersuchung und Belegen. Qualitative Daten geben oft Aufschluss über Einstellungen und Wahrnehmungen und können einen Mehrwert bieten, wenn es darum geht, Faktoren wie kulturelle Erwartungen, Geschlechterrollen, ethnische und religiöse Implikationen sowie individuelle Gefühle zu identifizieren und zu untersuchen. Qualitative Daten untersuchen Beziehungen und Wahrnehmungen von Individuen. Sie können reichhaltige und detaillierte Informationen liefern und bieten tiefe Einblicke. Allerdings sind diese Daten nicht objektiv messbar und beziehen sich meist auf eine kleine Zahl von Teilnehmenden.[5]

Wann sollte man sie verwenden?

  • wenn ein tiefgreifendes Verständnis eines bestimmten Themas erforderlich ist
  • um das Verhalten, die Wahrnehmung und die Prioritäten von Einzelpersonen oder einer Gemeinschaft zu verstehen
  • um Informationen zu erklären, die durch quantitative Daten bereitgestellt werden

Wozu dienen sie?

  • um Phänomene zu erforschen und zu verstehen
  • um ein tiefgreifendes Verständnis für bestimmte Themen zu vermitteln
  • um detaillierte und umfassende Informationen, Einordnung, Interpretation und Beschreibung zu bekommen

Datenformat

  • Daten können beobachtet, aber nicht gemessen werden
  • hauptsächlich beschreibend (Worte, Bilder, Audio, Video), aber auch kategorial

Wann sollte man sie verwenden?

  • um einen umfassenden Überblick über die Situation zu bekommen
  • um soziodemografische Merkmale der Bevölkerung zu bekommen
  • um Zusammenhänge und Korrelationen zwischen verschiedenen Themen zu vergleichen
  • wenn genaue und präzise Daten benötigt werden
  • um Belege für Art und Ausmaß von Problemen zu liefern

Wozu dienen sie?

  • um präzise Messungen durchzuführen, zu quantifizieren und Hypothesen zu bestätigen
  • um einen allgemeinen Überblick zu verschaffen
  • um demografische Merkmale zu ermitteln
  • um objektive und zuverlässige Daten zu bekommen, die sich für Verallgemeinerungen eignen

Datenformat

  • Daten, die gezählt oder gemessen werden können
  • hauptsächlich numerische und kategoriale Werte

Wichtig: Eine Kombination verschiedener Arten und Quellen von Daten ist erforderlich, um sich ein umfassendes Bild zu machen.


METHODEN ZUR ERMITTLUNG DER BEDÜRFNISSE DER ZIELGRUPPEN

Partizipative Aktionsforschung ist eine Forschungsmethode, bei der verschiedene Akteur*innen aus der Gemeinschaft aktiv in die Planung, Durchführung und Auswertung von Maßnahmen einbezogen werden. Verschiedene Akteur*innen arbeiten zusammen, um bestimmte Probleme innerhalb der Gemeinschaft anzugehen.

Eine erfolgreiche Umsetzung von Gemeinschaftsprojekten und -maßnahmen ist ohne die aktive Einbindung junger Menschen während des gesamten Prozesses nicht möglich, angefangen bei der Ermittlung ihrer Bedürfnisse. Es gibt verschiedene Methoden zur Durchführung einer Bedarfsermittlung als Grundlage für die Bedarfsanalyse, die jeweils für unterschiedliche Kontexte, Akteur*innen und Ziele geeignet sind. Im Folgenden sind einige davon aufgeführt.

Ein Fragebogen ist ein strukturiertes Werkzeug zur Erhebung von Informationen bei den Teilnehmenden und stellt eine der am häufigsten angewandten Methoden der Sozialforschung zur Datenerhebung dar. In der Jugendarbeit dienen Fragebögen als praktisches und kostengünstiges Mittel, um die Bedürfnisse, Vorlieben, Einstellungen und Erfahrungen junger Menschen zu erfassen. Wenn sie sorgfältig konzipiert und unter ethischen Gesichtspunkten durchgeführt werden, können sie wertvolle Erkenntnisse liefern, die in Jugendprogramme, die Politikgestaltung und das gesellschaftliche Engagement einfließen.

Die Erstellung eines effektiven Fragebogens ist eine komplexe Aufgabe, die klare Absichten, genau definierte Ziele und ein Verständnis der Zielgruppe erfordert. Ein Fragebogen sollte Folgendes enthalten:

  • Klare und eindeutige Fragen,
  • einen logischen Ablauf und eine logische Anordnung der Fragen,
  • eine angemessene Länge, um Ermüdungserscheinungen bei den Befragten zu vermeiden,
  • eine Sprache und einen Ton, die für die befragte Altersgruppe geeignet sind.

Allen Fragebögen sollte ein Begleitschreiben beiliegen, in dem unbedingt Folgendes stehen sollte: wer die Umfrage durchführt, das Ziel, warum der Befragte ausgewählt wurde, ein Hinweis auf Vertraulichkeit und Anonymität sowie die Art und Weise, wie die Daten verwendet und gespeichert werden. [9]

Fragebögen können quantitativ sein und geschlossene Fragen enthalten, wie Multiple-Choice-Fragen oder Bewertungen auf einer Likert-Skala (bei denen die Befragten angeben, inwieweit sie verschiedenen Aussagen zustimmen oder nicht zustimmen), oder qualitativ, mit offenen Fragen, bei denen die Befragten ihre Antworten in eigenen Worten ausführen können. Zunehmend wird ein gemischter Ansatz empfohlen – der beide Arten kombiniert –, um sowohl messbare Daten als auch differenzierte Perspektiven zu erfassen.[8]

Fragebögen können in verschiedenen Formaten verteilt werden, darunter:

  • In Papierform (z. B. in Klassenzimmern, Jugendzentren),
  • Digital (per E-Mail, Weblinks/QR-Codes oder über Umfrageplattformen wie Google Forms oder SurveyMonkey).

Allen Fragebögen sollte ein Begleitschreiben beiliegen, in dem unbedingt folgende Punkte enthalten sein sollten: wer die Umfrage durchführt, das Ziel, warum der*die Befragte ausgewählt wurde, ein Hinweis auf Vertraulichkeit und Anonymität sowie die Art und Weise, wie die Daten verwendet und gespeichert werden.[9]

Vorteile:

  • Kostengünstig und skalierbar – sie ermöglichen die Datenerhebung bei großen Gruppen mit relativ geringem Aufwand an Materialien.
  • Effizient – Antworten können schnell gesammelt und mit automatisierten Hilfsmitteln verarbeitet werden.
  • Standardisiert – einheitliche Fragen ermöglichen statistische Vergleiche zwischen Einzelpersonen und Gruppen.

Einschränkungen:

  • Oberflächliche Antworten – vor allem bei geschlossenen Fragen, die möglicherweise nicht den gesamten Kontext oder die Argumentation erfassen.
  • Verzerrung der Antworten – Teilnehmende geben möglicherweise sozial erwünschte Antworten oder verstehen die Fragen falsch.
  • Begrenzte Interaktion – im Gegensatz zu Interviews oder Fokusgruppen fördern Fragebögen möglicherweise keinen intensiven Dialog oder eine vertrauensvolle Beziehung.

Anpassungen:

  • Fragebögen können durch den Einsatz von Hilfstechnologien für Menschen mit Sehbehinderung, wie Bildschirmleseprogramme, Bildschirmlupen und Braillezeilen, inklusiver gestaltet werden.
  • Für junge Menschen, denen es schwerfällt, sich in der Landessprache auszudrücken, können Übersetzungen bereitgestellt werden.

Die Qualität der Daten hängt stark von der Qualität der Fragen ab. Es empfiehlt sich daher, den Fragebogen vorab mit einer kleinen Stichprobe zu testen, um unklare Formulierungen, technische Probleme oder Probleme mit der Länge zu erkennen, bevor die vollständige Umfrage gestartet wird.[10]

Indem junge Menschen auf respektvolle und inklusive Weise einbezogen werden, können Fragebögen ein Gefühl der Eigenverantwortung und der aktiven Bürgerschaft fördern. Jugendarbeiter*innen sollten jedoch bedenken, dass Umfragedaten allein oft keine Antwort auf das „Warum“ hinter den Antworten geben. Aus diesem Grund sind Fragebögen am effektivsten, wenn sie zusammen mit qualitativen Methoden wie Fokusgruppen oder Interviews eingesetzt werden, die eine tiefere Interpretation ermöglichen.

Tipps für Jugendarbeiter*innen:

  • Passe die Inhalte an die Sprache und den Kontext deiner Jugendgruppe an.
  • Achte auf ethische Transparenz, einschließlich Einwilligung, Anonymität und Datennutzung.
  • Ziehe gemischte Formate in Betracht, um ein Gleichgewicht zwischen Breite und Tiefe der Antworten zu schaffen.
  • Teste den Fragebogen vorab, um die Zuverlässigkeit und Gültigkeit zu verbessern.
  • Erwäge, den Fragebogen an Orten zu verteilen, die Jugendliche häufig besuchen.

Interviews sind eine qualitative Forschungsmethode, die tiefgehende Einblicke in die Gedanken, Gefühle, Erfahrungen und Bedürfnisse von Menschen bietet. In der Jugendarbeit sind Interviews ein besonders wertvolles Werkzeug, da sie eine direkte Kommunikation mit Jugendlichen oder wichtigen Akteure*inen ermöglichen und so ein Verständnis fördern, das über oberflächliche Antworten hinausgeht. Im Gegensatz zu Fragebögen ermöglichen Interviews einen offenen Dialog, Folgefragen und Klarstellungen, wodurch komplexe Beweggründe, verborgene Bedenken und persönliche Sichtweisen aufgedeckt werden können.

In der Jugendforschung und bei der Bedürfnisanalyse werden Interviews häufig genutzt, um:

  • zu untersuchen, wie junge Menschen ihre eigenen Bedürfnisse und Herausforderungen wahrnehmen;
  • Feedback zu Angeboten, Programmen oder politischen Maßnahmen zu sammeln;
  • Lücken in bestehenden Strukturen zur Jugendförderung zu identifizieren;
  • den persönlichen oder sozialen Kontext zu verstehen, in dem junge Menschen leben.

Interviews werden in der Regel einzeln durchgeführt, entweder persönlich oder online. Sie können auch an Gruppenformate angepasst werden (z. B. Interviews zu zweit, Peer-to-Peer-Interviews), um den Dialog zwischen den Teilnehmenden zu fördern.

Je nach den Zielen der Studie gibt es verschiedene Interviewformen:

  • Unstrukturierte Interviews: Diese sind informell und dialogorientiert, sodass die Teilnehmenden das Gespräch lenken können. Sie eignen sich gut für explorative Forschung, sind jedoch schwieriger systematisch auszuwerten.
  • Halbstrukturierte Interviews: Das in der Jugendarbeit am häufigsten verwendete Format. Sie folgen einem flexiblen Leitfaden mit Leitfragen, lassen aber Abweichungen je nach den Antworten der Teilnehmenden zu [11].
  • Strukturierte Interviews: Hier gibt es einen festen Satz vorab festgelegter Fragen, die in derselben Reihenfolge und auf dieselbe Weise gestellt werden. Sie sind zwar strenger, ermöglichen aber einen leichteren Vergleich der Antworten zwischen den Teilnehmenden.

Der halbstrukturierte Ansatz schafft einen guten Mittelweg zwischen Konsistenz und Anpassungsfähigkeit. Er ermöglicht es Jugendarbeiter*innen, sich auf Schlüsselthemen zu konzentrieren, während die Jugendlichen sich dennoch frei äußern können.

Vorteile:

  • Liefert umfangreiche, detaillierte qualitative Daten
  • Ermöglicht eine tiefere Erforschung von Bedürfnissen und Erfahrungen
  • Flexibel und an das Gespräch anpassbar
  • Schafft Vertrauen und eine gute Beziehung zu den Teilnehmenden

Einschränkungen:

  • Zeitaufwändig in der Durchführung und Auswertung
  • Möglichkeit einer Verzerrung durch den*die Interviewer*in
  • Eine kleine Stichprobengröße ist möglicherweise nicht repräsentativ
  • Erfordert erfahrene und einfühlsame Interviewer*in

Anpassungen:

  • Interviews können inklusiver gestaltet werden, indem Hilfsmittel für Menschen mit Sehbehinderung eingesetzt werden, wie Bildschirmleseprogramme, Bildschirmvergrößerungsprogramme und Braillezeilen.
  • Für junge Menschen, die sich in der Landessprache nicht wohlfühlen, können Übersetzungen bereitgestellt werden.

Das Durchführen von Interviews erfordert Planung, Feingefühl und Kommunikationsfähigkeiten. Die folgenden Tipps sind unerlässlich für die Vorbereitung und Durchführung von Interviews mit Jugendlichen:

  1. Kläre deine Ziele: Mach dir klar, welche Informationen du suchst. Das hilft dir dabei, deine Fragen zu formulieren und geeignete Teilnehmende auszuwählen.
  2. Erstelle einen Interviewleitfaden: Erstelle eine Liste mit offenen Fragen und Anregungen, die zu deinen Forschungszielen passen. Diese sollten eine einfache, klare Sprache verwenden, die dem Alter und Hintergrund deiner Teilnehmenden entspricht.
  3. Baue eine gute Beziehung auf: Gerade bei Jugendlichen ist es wichtig, eine vertrauensvolle und respektvolle Atmosphäre zu schaffen. Beginne mit einem lockeren Gespräch, damit sich die Teilnehmenden wohlfühlen.
  4. Übe dich im aktiven Zuhören: Zeige echtes Interesse, nutze nonverbale Signale und unterbrich nicht. Folge mit Fragen wie „Kannst du mir mehr darüber erzählen?“
  5. Sorge für eine genaue Aufzeichnung: Nimm das Interview mit Einverständnis auf, um eine genaue Transkription und Analyse zu ermöglichen. Alternativ kannst du dir detaillierte Notizen machen.
  6. Sei flexibel: Lass das Gespräch natürlich verlaufen. Manchmal kommen die wertvollsten Erkenntnisse aus unerwarteten Richtungen.

In Kombination mit anderen Methoden wie Umfragen oder Fokusgruppen tragen Interviews zu einem umfassenden Verständnis der Bedürfnisse junger Menschen bei und verbessern so die Konzeption und Umsetzung wirksamer, jugendzentrierter Maßnahmen.

Fokusgruppen sind eine weit verbreitete qualitative Forschungsmethode, bei der eine kleine Gruppe von Teilnehmenden zusammenkommt, um in einem strukturierten und dennoch offenen Rahmen über bestimmte Themen zu diskutieren. Dieser Ansatz ist besonders in der Jugendarbeit effektiv, da er jungen Menschen die Möglichkeit bietet, in einem sozialen und interaktiven Umfeld Erfahrungen auszutauschen, Bedürfnisse zu äußern und über Themen nachzudenken. Im Gegensatz zu Einzelinterviews nutzen Fokusgruppen die Gruppendynamik, um Gespräche anzuregen, Ideen zu entwickeln und gemeinsame Anliegen anzusprechen, die sonst vielleicht unausgesprochen blieben.

Eine Fokusgruppe besteht in der Regel aus 6 bis 10 Teilnehmenden und wird von einem*einer Moderator*in geleitet, der*die das Thema vorstellt, offene Fragen stellt und eine partizipative Diskussion anregt. In der Jugendforschung und -praxis können Fokusgruppen genutzt werden, um:

  • die Einstellungen junger Menschen zu einem Angebot, Programm oder Thema zu erkunden;
  • gemeinsame Bedürfnisse, Prioritäten und Erfahrungen zu ermitteln;
  • neue Ideen oder Maßnahmen partizipativ zu testen;
  • die Wahrnehmung in der Gemeinschaft oder kulturelle Normen zu bewerten;
  • Ideen für die Projektentwicklung oder politische Interessenvertretung zu generieren.

Da Fokusgruppen auf Gruppeninteraktion basieren, können sie nicht nur individuelle Meinungen aufzeigen, sondern auch soziale Einflüsse, Konsens und Konflikte – und bieten so ein umfassenderes Verständnis dafür, wie junge Menschen gemeinsam zu bestimmten Themen stehen.[12]

Eine erfolgreiche Fokusgruppe hängt von einer sorgfältigen Konzeption und einer kompetenten Moderation ab. Zu den wesentlichen Elementen gehören:

  • Ein klares Ziel und eine klare Forschungsfrage: Definiere, was du herausfinden möchtest und warum ein Gruppenformat am besten geeignet ist.
  • Teilnehmende-Auswahl: Wähle Teilnehmende aus, die gemeinsame, für das Thema relevante Merkmale aufweisen (z. B. Alter, geografische Region, Erfahrung), und achte dabei gegebenenfalls auf Vielfalt innerhalb der Gruppe.
  • Gruppengröße: Idealerweise zwischen 6 und 10 Personen. Kleinere Gruppen (4–6) eignen sich für sensible Themen, während größere Gruppen schwieriger effektiv zu leiten sind.
  • Moderator und Co-Moderator: Der Hauptmoderator leitet die Diskussion, während der Co-Moderator Notizen macht, die Gruppendynamik beobachtet und sicherstellt, dass keine Teilnehmende dominieren oder ausgeschlossen werden. Zwei Moderator*innen stärken zudem den späteren Analyseprozess.
  • Umfeld und Dauer: Die Einheiten dauern in der Regel 60 bis 90 Minuten und sollten in einer angenehmen, jugendfreundlichen und vertraulichen Umgebung stattfinden – egal ob persönlich oder online.

Eine Fokusgruppendiskussion sollte einem flexiblen Leitfaden folgen, der aus offenen, neutralen und eindeutig formulierten Fragen besteht. Diese sollten:

  • zur freien Meinungsäußerung anregen (z. B. „Kannst du deine Erfahrungen beschreiben…?“);
  • suggestive oder wertende Formulierungen vermeiden (z. B. „Warum glaubst du, ist das passiert?“ statt „Findest du nicht, dass das falsch war?“);
  • Anregungen oder Folgefragen enthalten, um Ideen vertiefend zu erörtern;
  • mit allgemeinen Fragen beginnen und sich dann spezifischeren oder sensibleren Themen zuwenden.

Es ist auch hilfreich, Einführungsaktivitäten oder Eisbrecher zu planen, insbesondere bei der Arbeit mit jungen Menschen, um Ängste abzubauen und frühzeitig in der Einheit Vertrauen aufzubauen.

Vorteile:

  • Erleichtert Diskussionen und die Entwicklung von Ideen
  • Fördert die Interaktion und Reflexion innerhalb der Gruppe
  • Macht Gruppendynamiken und gemeinsame Sichtweisen sichtbar
  • Kann unerwartete Themen oder Gemeinschaftsnormen aufdecken
  • Kostengünstig, um mehrere Meinungen gleichzeitig einzuholen

Einschränkungen:

  • Gefahr der Dominanz durch dominante Teilnehmende
  • Geringere Anonymität im Vergleich zu Einzelinterviews
  • Die Analyse der Daten kann komplex und zeitaufwendig sein
  • Gruppendenken kann abweichende Meinungen unterdrücken
  • Nicht ideal für hochsensible oder private Themen

Anpassungen:

  • Fokusgruppen können inklusiver gestaltet werden, indem Hilfsmittel für Menschen mit Sehbehinderung eingesetzt werden, wie beispielsweise Bildschirmleseprogramme, Bildschirmvergrößerungsprogramme und Braillezeilen.
  • Für junge Menschen, denen es schwerfällt, sich in der Landessprache auszudrücken, können Übersetzungen bereitgestellt werden.

Fokusgruppen sind in der partizipativen Jugendarbeit wertvoll, weil sie den gemeinsamen Stimmen Raum geben und junge Menschen dazu befähigen, sich im Dialog mit Themen auseinanderzusetzen, die ihnen wichtig sind.

[1] (1) McLeod, S. (2025.) Maslow Hierarchy of Needs. Simply Psychology. https://www.simplypsychology.org/maslow.html.

[2] (2) American Psychological Association (APA). (2017). Ethical Principles of Psychologists and Code of Conduct. https://www.apa.org/ethics/code .

[3] (3) Powell, M. A., Fitzgerald, R., Taylor, N., & Graham, A. (2012). International Literature Review: Ethical Issues in Undertaking Research with Children and Young People. Lismore: Southern Cross University.

[4] (4) GDPR.eu. What is GDPR,  the EU’s new data protection law? Retrived August 2025. from https://gdpr.eu/what-is-gdpr/.

[5] (5) ACAPS (2012.) Qualitative and Quantitative Research Techniques for Humanitarian Needs Assessment.

[6] (6) ACAPS (2012.) Qualitative and Quantitative Research Techniques for Humanitarian Needs Assessment based on WFP (2009).

[7] (7) ACAPS (2012.) Qualitative and Quantitative Research Techniques for Humanitarian Needs Assessment based on WFP (2009).

[8] (8) Cohen, L., Manion, L., & Morrison, K. (2018). Research Methods in Education (8th ed.). Routledge.

[9] (9) Mathers, N, Fox, N. and Hunn, A. (2007). Surveys and questionnaires. Trent RDSU.

[10] (10) Dillman, D. A., Smyth, J. D., & Christian, L. M. (2014). Internet, Phone, Mail, and Mixed-Mode Surveys: The Tailored Design Method (4th ed.). Wiley.

[11] (11) Kvale, S., & Brinkmann, S. (2015). InterViews: Learning the Craft of Qualitative Research Interviewing (3rd ed.). Sage.

[12] (12) Krueger, R. A., & Casey, M. A. (2015). Focus Groups: A Practical Guide for Applied Research (5th ed.). Sage.

Needs analysis activities

Contact

Iuliana Adriana PAVEL (project manager)

iuliana.pavel@a4action.ro
A4ACTION – Antim Ivireanu Culture House, Islaz Alley, Ghermănești, Snagov, Ilfov District, Romania, 077170


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The project is conducted by the following organisations: A4ACTION (Romania) – coordinator, Udruga Delta (Croatia), InterAktion (Austria), Asociación Espacio Rojo (Spain) and GAIA Museum Outsider Art (Denmark).

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