Forumtheater – Das Anti-Modell in einer Minute
Forumtheater ist eine interaktive Methode, bei der die Teilnehmenden zunächst eine kurze Szene über Unterdrückung oder Ungerechtigkeit ansehen und dann als „Zuschauer*innen-Schauspieler*innen“ auf die Bühne treten, um die Hauptfigur zu ersetzen und alternative Reaktionsmöglichkeiten auszuprobieren. Unter der Leitung einer neutralen Moderator*in (dem „Joker“) probt die Gruppe gemeinsam Strategien für Veränderungen in einem sicheren theatralischen Raum, bevor sie diese im echten Leben anwendet.


THEMA
Soziale Gerechtigkeit und Konfliktlösung

SCHWIERIGKEIT
Mittel

GRUPPENGRÖßE
10–12 Teilnehmende + Publikum

ALTER
Ab 16 Jahren (kann mit passenden Szenarien auch für Jüngere angepasst werden)

TIME
90–120 Minuten (Kernversion). Für eine erweiterte Version solltest du bis zu 150 Minuten einplanen, um mehr Zeit für tiefgehende Reflexion zu haben.
Ziele
- Den Teilnehmenden ermöglichen, verschiedene Formen der Unterdrückung zu erkunden und Strategien für Veränderungen zu üben
- Kritisches Denken und Problemlösungskompetenz durch theatralische Interventionen fördern
- Empathie und Verständnis für unterschiedliche Perspektiven aufbauen
- Die Teilnehmenden befähigen, aktive Akteure des sozialen Wandels zu werden
- Gemeinsame Problemlösung in einem sicheren theatralischen Raum üben
Material
- Offener Veranstaltungsraum mit hervorragender Sicht für das Publikum
- Stühle im Halbkreis für das Publikum angeordnet
- Optional: einfache Requisiten, Kostümteile oder Bühnenelemente
- Flipchart oder Whiteboard zum Festhalten von Erkenntnissen und Lösungen
Überblick
Das Forumtheater ist eine interaktive Form des Theaters der Unterdrückten, die Augusto Boal 1973 im Rahmen eines Alphabetisierungsprojekts in Peru entwickelt hat. Die Teilnehmenden sehen sich eine kurze Szene an, die Unterdrückung oder Ungerechtigkeit darstellt (das „Anti-Modell“), und werden dann zu „Zuschauer-Schauspielern“, die das Geschehen unterbrechen, die Hauptfigur ersetzen und alternative Lösungen ausprobieren können. Ein*e Moderator*in, der*die „Joker“ genannt wird, leitet den Prozess neutral und sorgt dafür, dass realistische Möglichkeiten ausgelotet werden, ohne Lösungen vorzuschreiben. Die Methode entstand, als Boal erkannte, dass die Zuschauer nicht nur Lösungen vorschlagen, sondern diese auch physisch auf der Bühne ausprobieren wollten.
Schritt-für-Schritt-Anleitung:
0. Vorbereitung der Gruppe (20–30 Minuten, vor Beginn der Einheit):
Bevor die Einheit für die gesamte Gruppe beginnt, bereitet der*die Moderator*in gemeinsam mit allen die Teilnehmenden vor. Erkläre das Forumtheater klar und deutlich: Was das Anti-Modell ist, was der Joker macht und wozu die Zuschauer-Schauspieler aufgefordert sind. Legt gemeinsam ein Thema fest oder bestätigt es, das auf den realen Erfahrungen der Teilnehmenden basiert.
Eine kleine Untergruppe (4–6 Freiwillige) entwickelt und probt die Anti-Modell-Szene mit Unterstützung des*der Moderator*in, während der Rest der Gruppe zu Zuschauer-Schauspielern wird. Wenn die Gruppe größer ist (10–12 Teilnehmende), kannst du sie in zwei Gruppen aufteilen, von denen jede eine andere Theaterszene entwickelt und aufführt.
Plane Zeit für eine kurze Probe und ein Aufwärmprogramm ein (wähle je nach den Bedürfnissen der Gruppe 2–3 Aktivitäten aus dem Zusatzkapitel am Ende der Toolbox aus). Sobald alle ihre Rolle verstanden haben und die Szenen fertig sind, kann die eigentliche Einheit beginnen.
1. Einführung (10 Min.):
Begrüße das Publikum (dazu können sowohl Jugendliche gehören, die nicht am Stück mitwirken, als auch Mitglieder der breiteren Gemeinschaft) und erkläre das Konzept des Forumtheaters. Betone, dass sie eine Szene sehen werden, in der jemand Unterdrückung oder Ungerechtigkeit erlebt. Nachdem sie die Szene einmal gesehen haben, können sie eingreifen, indem sie „STOP!“ rufen und auf die Bühne treten, um verschiedene Lösungen auszuprobieren. Bitte mach deutlich, dass es keine „magischen“ Lösungen gibt, da wir gemeinsam realistische Möglichkeiten ausloten. Der Joker moderiert, gibt aber keine Antworten vor. Bei dieser Arbeit geht es um kollektive Weisheit und Experimentieren.
Rollen im Forumtheater
Joker (Moderator*in):
Der Joker leitet den Forumtheater-Prozess. Er erklärt die Regeln, ermutigt das Publikum zur Teilnahme und sorgt dafür, dass die Diskussion konstruktiv und respektvoll bleibt. Der Joker gibt keine Lösungen vor, sondern hilft der Gruppe, Möglichkeiten auszuloten.
Hauptfigur
Die Hauptfigur ist die Person, die Unterdrückung erlebt. Sie möchte etwas erreichen, wird aber durch Einzelpersonen, Systeme oder gesellschaftliche Normen daran gehindert. Die Geschichte konzentriert sich auf ihren Kampf. WICHTIGER HINWEIS: Zuschauer-Schauspieler können diese Figur ersetzen, dürfen aber ihre Persönlichkeit oder Motivation nicht grundlegend verändern.
Oppressor(en):
Oppressoren sind die Figuren, die Unterdrückung aufrechterhalten oder verstärken.
Sie handeln möglicherweise absichtlich oder unbewusst und repräsentieren oft Machtstrukturen (Autoritätspersonen, Institutionen, sozialen Druck). WICHTIGER HINWEIS: Zuschauer-Schauspieler dürfen diese Figur bei ihren Interventionen nicht ersetzen.
Darsteller*innen:
Die Darsteller*innen spielen die Anfangsszene und wiederholen sie mehrmals. Sie reagieren realistisch auf Interventionen und halten dabei die Logik der Situation aufrecht, anstatt es den Zuschauern leicht zu machen, zu „gewinnen“ (den Konflikt/die Unterdrückung zu lösen).
Verbündete/neutrale Figuren (optional):
Das sind Figuren, die den Protagonisten unterstützen oder neutral bleiben können. Sie helfen dabei zu zeigen, wie Systeme der Unterdrückung und Ungleichheit im Alltag funktionieren, und laden die Teilnehmenden dazu ein, mögliche Handlungsansätze für Veränderungen in einer sicheren Umgebung zu erproben. Sie können die Situation in den Griff bekommen und zu Schlüsselfiguren beim Ausprobieren verschiedener Strategien für Veränderungen werden.
„Zuschauer-Schauspieler“, auch als Teilnehmende des Publikums bekannt, sind keine passiven Zuschauer. Sie sind eingeladen, die Aufführung zu unterbrechen, den Protagonisten zu ersetzen und alternative Handlungen auszuprobieren, um die Situation zu verändern. Diese Praxis verwandelt Zuschauer in „Zuschauer-Schauspieler“.
2. Das Anti-Modell vorstellen (20 Minuten):
Die Schauspieler führen eine vorbereitete Szene auf, die Unterdrückung oder Ungerechtigkeit zeigt. Beispiele können Diskriminierung am Arbeitsplatz, Mobbing, Familienkonflikte, Ungerechtigkeit im Wohnungswesen, Schikanen durch die Polizei, Bildungsbarrieren und Diskriminierung im Gesundheitswesen sein. Die Szene sollte damit enden, dass die Unterdrückung ungelöst bleibt und der Protagonist die Situation nicht bewältigen kann. Die Szene sollte realistisch sein, einen Bezug zu den tatsächlichen Erfahrungen der Teilnehmenden haben und etwa 5–7 Minuten dauern.
3. Erste Diskussion – Moderation durch den Joker (10 Minuten):
Der Joker leitet die Analyse ein, indem er fragt: Was ist in der Szene passiert? Wer wurde unterdrückt? Wer war der Unterdrücker? Was machte es dem Protagonisten schwer, die Situation zu ändern? Welche Emotionen habt ihr beobachtet? Welche Machtdynamiken waren im Spiel? Diese kritische Analyse bereitet die Teilnehmenden auf fundierte Interventionen vor.
4. Zweite Aufführung mit Interventionen aus dem Publikum (40 Minuten):
Die Szene wird noch einmal von Anfang an gespielt. Der Joker lädt die Zuschauer-Schauspieler (das Publikum) ein, jederzeit „STOP!“ zu rufen und in die Szene einzusteigen, um anstelle des Protagonisten einen anderen Ansatz zu versuchen. Der Joker sollte auch bereit sein, bei Bedarf das erste „STOP!“ zu rufen, um die Beteiligung zu fördern, bis sich das Publikum wohl dabei fühlt, einzusteigen und sich einzubringen.
Wichtige Regeln:
- Zuschauer-Darsteller dürfen nur die unterdrückte Figur oder die neutralen Darsteller ersetzen, nicht den Unterdrücker (wir können nur uns selbst ändern, nicht andere zur Änderung zwingen)
- Die Darsteller bleiben in ihrer Rolle und leisten realistischen Widerstand – keine leichten Siege
- Der Joker unterbricht Interventionen, die „magische“ oder unrealistische Lösungen darstellen (kein Superman, der aus dem Nichts auftaucht!).
- Mehrere Teilnehmende sollten verschiedene Ansätze ausprobieren
- Nach jeder Intervention (3–5 Minuten) kurz besprechen: Was hat funktioniert? Was nicht? Warum? Was könnte als Nächstes passieren?
- Ermutigt dazu, auf früheren Interventionen aufzubauen

Nachbesprechung und Bewertung:
Fragen zur Reflexion:
- Welche Strategien haben bei den Interventionen am besten funktioniert? Welche haben nicht funktioniert? Warum?
- Wie hat es sich angefühlt, einzugreifen und auf der Bühne zu stehen, um etwas zu verändern?
- Auf welche Situationen im echten Leben lässt sich diese Geschichte übertragen?
- Welche Hindernisse gibt es, um die Realität, die wir gesehen haben, zu verändern?
- Welche Unterstützung, welche Materialien oder welche Solidarität würden die Menschen brauchen?
- Was hat dich während der Interventionen überrascht?
- Wie können wir diese Übungen ins echte Leben übertragen?
- Was hat dieser Prozess über kollektives Handeln im Vergleich zu individuellem Heldentum gelehrt?
Bewertungskriterien:
Beobachte und bewerte den Grad des Engagements der Teilnehmenden und ihre Bereitschaft, einzugreifen, die Qualität und den Realismus der vorgeschlagenen Interventionen, die Tiefe der kritischen Reflexion über Machtdynamiken, die Fähigkeit zu analysieren, warum bestimmte Strategien funktionieren oder nicht funktionieren, die Zunahme des Selbstvertrauens im Laufe der Einheit, die Fähigkeit der Gruppe, gemeinsam auf den Ideen der anderen aufzubauen, sowie das Verständnis für den Unterschied zwischen individuellen und systemischen Lösungen.
Moderationstipps:
- Wähle Szenarien, die direkt mit den Lebenserfahrungen der Teilnehmenden zu tun haben – Authentizität ist entscheidend
- Halte die anfängliche Anti-Modell-Szene kurz (maximal 5–7 Minuten), um die Energie aufrechtzuerhalten
- Der Joker muss wirklich neutral bleiben – widerstehe dem Drang, deine Lösungen oder Ideologie aufzuzwingen
- Ermutige die Darsteller, realistischen Widerstand zu leisten und in ihrer Rolle zu bleiben, statt zu leicht nachzugeben
- Schaffe Raum für ruhigere Teilnehmende – lade sie gezielt ein, aber setze sie nicht unter Druck.
- Wenn eine Intervention offensichtlich nicht funktioniert, kann der Joker innehalten und die Gruppe fragen: „Was passiert hier gerade? Warum funktioniert diese Strategie nicht? Was ist das Hindernis?“
- Halte Interventionen und Erkenntnisse auf einem Flipchart fest, damit ihr später darauf zurückgreifen und Maßnahmen planen könnt (siehe „Legislatives Theater“ unter „Variationen“)
- Schaffe vor Beginn ein Klima der psychologischen Sicherheit – die Teilnehmenden sollten wissen, dass sie sich auch dafür entscheiden können, nur zu beobachten
- Erwäge, die Teilnehmenden in nachfolgenden Einheiten eigene Anti-Modell-Szenen auf der Grundlage ihrer realen Erfahrungen entwickeln zu lassen
- Sei auf emotionale Reaktionen vorbereitet – Unterdrückung ist real und persönlich
- Verbinde das Forumtheater gegebenenfalls mit konkreten Organisationsstrategien

Variationen und Anpassungen:
- Themenspezifisches Forumtheater: Widme eine ganze Einheit einem bestimmten Thema (Gruppenzwang, Diskriminierung am Arbeitsplatz, Familienkonflikte, Wohnrecht)
- Gemeinschaftsforumtheater: Lade Mitglieder aus der breiteren Gemeinschaft zum Zuschauen und Mitmachen ein, nicht nur die Stammgruppe
- Legislativtheater: Trage die erfolgreichsten Lösungen aus dem Forumtheater den politischen Entscheidungsträgern vor (siehe separate Aktivität „Legislativtheater“)
- Von Jugendlichen entwickelte Szenen: Nachdem die Teilnehmenden die Methode gelernt haben, entwickeln sie Anti-Modell-Szenen aus ihren eigenen realen Erfahrungen
- Mehrszenen-Forum: Präsentiere in einer Einheit mehrere kurze Szenen zu verwandten Themen, um Vergleiche zu ermöglichen
- Forumtheater mit Profischauspielern: Kombiniere ausgebildete Schauspieler mit Teilnehmenden aus der Gemeinde für ausgefeiltere Darbietungen
- Regenbogen des Forums: Nutze das Forumtheater, um nicht nur äußere Unterdrückung, sondern auch innere Konflikte und Widersprüche zu erforschen

Disclaimer:
Manche Themen, die im Forumtheater behandelt werden, können schwierige Gefühle oder traumatische Erinnerungen auslösen. Legt zu Beginn jeder Einheit klare Sicherheitsvereinbarungen fest. Alle Teilnehmenden haben jederzeit das Recht, nur zu beobachten, anstatt aktiv mitzumachen. Führt nach Einheiten, in denen sensible Themen wie Gewalt, Diskriminierung oder Missbrauch behandelt wurden, ein ausführliches Nachgespräch durch. Sei darauf vorbereitet, emotionale Unterstützung zu leisten oder an Profis zu verweisen, falls Teilnehmende in Bedrängnis geraten. Sorge dafür, dass der Raum vertraulich und respektvoll ist – was im Forumtheater geteilt wird, sollte im Raum bleiben, es sei denn, die Teilnehmenden entscheiden sich dafür, öffentlich zu handeln. Der Joker/die Moderator*in sollte in Moderationstechniken geschult sein und idealerweise über Kenntnisse in traumainformierter Praxis verfügen. Denk daran, dass das Forumtheater echten Schmerz und echte Konflikte an die Oberfläche bringen kann – gehe mit den Erfahrungen der Teilnehmenden behutsam und respektvoll um.
Theatre activities
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Contact
Iuliana Adriana PAVEL (project manager)
iuliana.pavel@a4action.ro
A4ACTION – Antim Ivireanu Culture House, Islaz Alley, Ghermănești, Snagov, Ilfov District, Romania, 077170
Co-funded by the European Union. Views and opinions expressed are however those of the author(s) only and do not necessarily reflect those of the European Union or the ANPCDEFP. Neither the European Union nor the ANPCDEFP can be held responsible for them.
The project is conducted by the following organisations: A4ACTION (Romania) – coordinator, Udruga Delta (Croatia), InterAktion (Austria), Asociación Espacio Rojo (Spain) and GAIA Museum Outsider Art (Denmark).


